Leseszenen (3): Wortsalat – oder mein erster Roman nach Jahren

„Die Luft verändert sich – fein Säure – Luft – mein Gesicht – Ausdruck – Konsistenz“ – Was war das? Zugegeben, ich war etwas müde, aber meine Augen schienen wie haltlose Flummis über die Buchseite zu hüpfen, hier und da ein Wort treffend, hin und her, vor und zurück, und lieferten diesen Wortsalat, aus dem ich keinen Sinn entnehmen konnte. Etwas beunruhigt versuchte ich, meinen Blick auf der Seite zu fixieren. Wo ist das Verb? Haben diese Sätze keine Verben? Der erste Satz hatte doch eins: „verändert sich“, aber danach? Und wie hing das zusammen? Ich richtete mich etwas auf und las den Abschnitt noch mal. Jetzt ergaben die Sätze Sinn, aber sie sagten mir nichts: Die Rede von der Luft und der feinen Säure – woran knüpfte das denn an? Na gut, es handelte sich um den Anfang des Romans. Da dürfen die ersten Sätze schon mal kryptisch sein, aber das Unbehagen wollte sich nicht ganz auflösen. “Eine ängstliche Teilnahmslosigkeit“ – das gehört nicht nur in den Roman, das gab mein Gefühl wieder, das mich beschlich, als ich merkte, dass ich mich nicht in den Text hineinfinden konnte. Meine Augen sprangen weiter hin und her. Abermals wies ich mich zurecht und zwang mich, aufmerksam, ja: aufmerksam, weiterzulesen. Nach ein paar Minuten und einige Absätze weiter rastete es ein, mein gewohnter Lesefluss kam zurück und ich tauchte ein in die Welt, die der Text mir suggerierte.

Nach vielen Jahren las ich endlich mal wieder einen Roman, jedenfalls hatte ich es mir fest vorgenommen. Deniz Ohde: Streulicht, erschienen 2020. Nach dieser anfänglichen Verunsicherung, dem Wortsalat, vergewisserte ich mich nochmal durch einen Blick auf den Klappentext:

Konsistenz ist ein Kraftakt, schoss es mir durch den Kopf. Es ist nicht so leicht, die Wörter zu sinnvollen Einheiten zu verbinden. Linearität und Interpunktion helfen natürlich. Aber dazu dürfen die Augen nicht wandern, und auch die Gedanken müssen beim Geschriebenen bleiben, oder? Oder müssen die Gedanken umherirren, um das Verständnis durch die Verknüpfung mit Gefühlen und eigenen Erfahrungen zu konturieren? Das Lesen war mir entglitten, zwar nur für ein paar müde Augenblicke, aber hinreichend verunsichernd. Ich wälzte mich hin und her. Erinnerte mich ans Gitarre-Üben: Wenn etwas nicht klappt oder blöd klingt, Metronom langsam stellen und ganz ruhig von vorn beginnen; das Tempo erst steigern, wenn es gut klingt. Beim Lesen war es jetzt genauso.

Aber die Verunsicherung war jetzt latent geblieben. War das neu? Könnte es an COVID liegen? Viele Leute hatten von kognitiven Einschränkungen erzählt. Oder lag es doch daran, dass ich seit vielen Jahren keinen Roman mehr gelesen hatte? Nur noch Fachbücher, und das meist am Schreibtisch, oft sogar nur in digitaler Form. Es mir hingegen bequem machen, ein Buch aufschlagen und für viele Stunden so verharren und lesen, das hatte ich ewig nicht getan. Warum eigentlich? An Lust mangelte es eigentlich nicht, an Lesestoff auch nicht. Natürlich hatte ich wenig Zeit, aber seien wir ehrlich: Wer hat die schon?! So recht erklären konnte ich mir das also nicht. Aber wenn der Habitus erstmal gebrochen ist, ist es schwer, neu zu beginnen. Zu Beginn dieses langen Lese-Hiatus war allerdings etwas viel einfacheres geschehen. Meine Sehkraft hatte nachgelassen. Wenn ich nicht ausreichend Licht oder Abstand zum Text hatte, war es eine große Anstrengung. Irgendwie war das leicht beängstigend und mir war gleich der Linguistikdozent aus Bochum wieder eingefallen, der seine letzte Vorlesung damit begonnen hatte, von seinem schwindenden Augenlicht zu sprechen. Das Lesen am Bildschirm brachte diese Probleme nicht mit sich. Aber erst, als ich mir nach einigen Jahren eine Lesebrille gekauft hatte, konnte ich mich zum Lesen wieder betten. Und erst vor drei Tagen war Streulicht eingetroffen, das ich dann geradezu rauschhaft verschlungen hatte.

Es fällt mir noch immer schwer zu sagen, was diesen Text so fesselnd und besonders macht. Sicher, es ist ein moderner Bildungsroman, der auch als Autosoziobiografie gehandelt wird. Doch das Poetische scheint mir das Soziologische zu übertreffen. Vor allem ist der Text voller Ambivalenzen, die für die Protagonistin ebenso offen zu bleiben scheinen wie für die Leserschaft, also zumindest für mich:

Die Rede vom „Gesicht“ ist geradezu leitmotivisch. Das Kapitel hebt an mit: „Mein Gesicht war etwas, das ich verstecken wollte.“ Was für ein Satz! Was für eine Selbstbeobachtung! Hören wir hier die spätere Reflexion der Erzählerin oder die Formulierung der beschriebenen Protagonistin? Eine Formulierung, die zwar mit dem Wunsch harmoniert, „[e]ine unverfängliche, alltägliche Geschichte“ zu erzählen, doch nicht mit der verletzlichen Exponiertheit, die die Erzählerin mit dieser biografischen Verallgemeinerung präsentiert. Und geht es denn für die Protagonistin wirklich um Unverfänglichkeit oder nicht doch oder zumindest ebenso sehr um das im Sturz beinahe verletzte Auge? Zumal auf letzteres in der Schilderung einer Narbe unterm Auge zum Ende des Romans nochmals rekurriert wird („Das schwindende Kollagen führte auch dazu, dass langsam eine Narbe sichtbar wurde unter meinem linken Auge“, heißt es 155 Seiten später). Oder war die Narbe doch von dem Hundebiss, der bereits zu Beginn erwähnt wird? (Aber der Arzt hatte doch versichert, dass „nichts zurückbleiben“ werde.) So legen sich die Möglichkeiten der verschiedenen Lesarten und auch der Selbstinterpretationen der Protagonistin und Erzählerin fortschreitend wie Schichten übereinander, ohne dass sie zwingend auf eine bestimmte Schicht reduziert würden. Von der “Sauberkeit und Sorgfalt” will ich gar nicht erst anfangen.

Wie nach Filmen bin ich immer auch bei Romanen gespannt, nachher Besprechungen zu lesen, um den inneren Dialog auszuweiten. Eine habe ich bisher gelesen. Und das barsche und meines Erachtens irrige Urteil am Ende ärgert mich so sehr, dass ich mich innerlich an eine Replik mache.

Aber während ich dies schreibe, bin ich mir sicher, dass ich dem Reichtum dieses Romans nie gerecht werden könnte. Nicht mal mit geübten Augen. Aber weiterlesen will ich. Den nächsten Roman.

Leseszenen (2): The Cat in the Hat und die Vorlesevorbilder

Wenn ich meiner Tochter Hannah vorlese, dann kommen mir oft Vorlesevorbilder in den Sinn. Das heißt, ich denke dann gleichzeitig an andere Leute, die gut vorlesen, und frage mich, wie ich da wohl abschneide. Ich bin recht reich beschenkt: Neben meiner Mutter haben mir im Laufe der Jahre auch Freunde und Freundinnen vorgelesen. Und dann gibt es da noch die Stimmen von professionellen Vorlesern (ja, meist waren das Männer), wie etwa die von Hans Paetsch, in meiner Erinnerung. Zwar versuche ich meist nicht, die Stimmen zu imitieren, aber sie helfen mir bei der Intonation und der Rollenverteilung …

„Falsch lesen! So ist das langweilig“, ruft Hannah aus. Da ich fast schon wieder selbst eingeschlafen wäre, zucke ich etwas schuldbewusst zusammen. Hannah kennt die meisten Geschichten tatsächlich im Wortlaut auswendig und verlangt regelmäßig, dass ich hier und da falsche Namen, Gegenstände oder Handlungen einfüge. „Hannah brachte alles durcheinander“, lese ich. Aber Hannah lacht nur höflich. Dass ich ihren eigenen Namen benutze, fand sie anfangs echt lustig, aber jetzt muss ich mir schon was Besseres einfallen lassen. Gleichzeitig soll ich die Geschichte auch noch aus dem Englischen übersetzen, denn ihr Patenonkel hat ihr die englische Originalversion der Katze mit Hut geschenkt. Hannah ist davon wenig beeindruckt und schlägt vor, ein anderes Buch zu versuchen „Also wieder Mamma Muh?“ Das finde ich wenigstens selbst amüsant. „Lieber Pettersson und Findus – es liegt da, unter der grünen Jacke.“ Beim Aufrichten merke ich, dass mein Fuß eingeschlafen ist; ich stolpere Richtung Jacke. „Das dauert ja ewig!“ nörgelt es mir hinterher. Hannah ist viel zu wach. Vermutlich sollte ich „die kostbare Zeit“ genießen, aber im Hinterkopf formuliere schon wieder an der E-Mail herum, die ich heute noch abschicken will. „Da ist kein Buch“, gebe ich zurück, während ich die Jacke etwas zu lange anstarre, „aber hier liegt Mamma Muh.” – „Na gut.“

„Kühe leben doch nicht in Baumhäusern!“ Während ich die Krähe intoniere, denke ich an Hans Clarins Stimme. Gleichzeitig huscht mir Der Souffleur, ein altes Lied von André Heller, durch den Hinterkopf: „Hat sich das Herz nicht irgendwo gebunden“ kräht Heller, den aus Faust zitierenden Souffleur intonierend; und in meiner Erinnerung knistert die Schallplatte dabei. – Hannah dreht sich und versetzt mir unabsichtlich einen kleinen Tritt. „Die kostbare Zeit“ tönt es mir aus allen Elternratgebern der Welt entgegen, während mich der Tritt ins richtige Lesetempo zurückruft. Ob ich mich wohl an diesen Moment erinnern und Hannah mal davon erzählen werde? In meinem Kopf herrscht eine große Kakophonie. Wieder funkt mir die E-Mail beim Sinnieren dazwischen. „Nicht einschlafen!“ – „Natürlich nicht! Möchtest Du noch was essen?“ – „Ich hab doch schon Zähne geputzt!“ – Wer hat dieses Kind bloß so gut erzogen, frage ich mich, als ich mich zum letzten Drittel der Geschichte aufraffe, die ich fast „auf Autopilot“ lesen kann. Dank Hans Clarin gelingt mir die Krähenstimme recht gut, aber ich weiß nie so richtig, wie ich die Kuh intonieren soll. Also nehme ich meine gewöhnliche Stimme und lasse sie etwas freudiger klingen. Statt des Baumhauses lasse ich die Kuh jetzt ein Flugzeug zusammenbauen, bleibe ansonsten aber beim Verlauf der Geschichte.  

Hannah beginnt langsam regelmäßig zu atmen und ihr rechtes Bein zuckt leicht zusammen. Ich lese jetzt kompletten Unsinn, aber sie beschwert sich nicht. Ich mache das Licht aus; und während die Stimmen noch sachte nachhallen, will sich die E-Mail wieder in den Vordergrund drängen. Bevor ich selbst einschlafe, fällt mir noch die Stimme meines Vaters ein, wie er mit leicht angestrengtem Ton aus einer Zeitung vorliest.

Leseszenen (1. Versuch): Wie ich zum ersten Mal „Philosophie“ las

Die Erinnerung ist amüsant. Es wird wohl das Jahr 1983 gewesen sein und ich also 13 Jahre alt, als ich mich eines langweiligen Nachmittags entschloss, in die Stadtbibliothek – oder soll ich „Stadtbücherei“ schreiben? Denn das Wort „Bibliothek“ dürfte ich damals noch nicht gekannt haben – zu gehen. Ich weiß gar nicht, warum ich hinging; vermutlich hatte mich meine Klassenlehrerin ermuntert, und ich hatte meine eifrigen Momente, wenn mir langweilig war. Ich ging also los und heute habe ich keine Idee mehr, wie das war, aber ich muss mich furchtbar gelangweilt haben. Auch der Weg war langweilig, langweilig und grau, grau, grau – und bestimmt hat es auch genieselt. Meine Erinnerung schwenkt aber immer sofort in die Bücherei, eines der ehrwürdigsten Gebäude der Stadt – jetzt ist natürlich eine Kneipe drin –, und ich sehe die langen Gänge mit den dicken und nicht ganz so dicken, aber wohlgeordneten Büchern genau vor mir.

Da war es, Buchstabe P, Philosophie! Das Wort verstand ich nicht, aber ich kannte es oder erkannte es wieder, denn ich hatte es in einem Interview eines Magazins gelesen. Da ging es um einen Musiker, der etwas „Philosophisches“ gesagt haben sollte. Ich fand den Musiker gut, also wollte ich jetzt wissen, was Philosophie ist. Meine Eltern kannten sich da auch nicht aus, aber die kannten sich sowieso mit nichts aus, außer mit Arbeiten gehen, jeden Tag, und immer ganz früh aufstehen. Jedenfalls ging ich jetzt in die Abteilung „Philosophie“ und schaute die Buchrücken entlang. Ja, ich konnte zwar lesen, schon lange, aber ich verstand dennoch nichts oder fast nichts. Gleichwohl – „gleichwohl“ hätte ich mit Dreizehn nicht mal buchstabieren können – gleichwohl also, gleichwohl fand ich die braunen und roten Buchrücken mit den silberfarbenen oder schwarzen Buchstaben sehr beeindruckend. Bücher können staubig aussehen, auch wenn gar kein Staub darauf zu sehen ist. Schließlich griff ich ein Buch heraus und las ehrfürchtig: Theodor – wer heißt denn so? – Theodor Litt: Einleitung in die Philosophie. Aha. Das war doch was. Ich schlug es gleich in der Mitte auf: „Zur Reflexion zweiten Grades“ stand da als Überschrift – kursiv, also musste es wichtig sein. Ich erinnere mich vage, was ich dachte, etwa so was: Reflexion – das ist sowas wie Nachdenken. Also Nachdenken über das Denken?

Hm, das klang interessant, also rätselhaft. Was das wohl heißen sollte? Naja, ermutigt durch den Griff zum Buch, aber immer noch ein bisschen gelangweilt, drehte ich mich um.

Die Bücher hinter meinem Rücken waren rot, größer und sahen schöner aus. Eine Gesamtausgabe: Sigmund Freud, den Namen hatte ich schon gehört. Ah, die Traumdeutung, das klang fast vertraut. – Schlecht sortierte Bibliothek, denkt ihr? Nein, aber hinter mir fing (für mich damals unbemerkt) schon die Abteilung Psychologie an. – Ich blätterte: Äußere Reizquellen (für Träume), las ich. Ich versuchte mir das zu erklären. Ja, wenn morgens der Wecker klingelt und ich weiterschlafend von einem Wecker träume, das muss eine äußere Reizquelle sein. Jetzt war ich mächtig stolz auf mich. Ich hatte was verstanden. Aber die Traumdeutung war mir definitiv zu dick, als Buch. Ich musste ja den ganzen Weg nach Hause laufen. Also zog ich ein anderes Buch raus. „Zwang, Paranoia und Perversion“ stand da drauf. Ich wusste nicht, was Paranoia ist, aber das Buch war nicht so schwer zu tragen und die anderen Wörter hatte ich schon mal gehört.

Das klang interessant. Ich war jetzt interessant, mit dem Buch unterm Arm. Ich nahm das Buch also mit und machte mich stolz und ein bisschen verwandelt auf den Heimweg.       

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Die Leseszenen sind ein Versuch, über verschiedene Leseerfahrungen zu schreiben – zur Vorbereitungs des im letzten Post genannten Leseprojekts mit Irmtraud Hnilica.