In Deutschland wird derzeit über den Kabarettisten Dieter Nuhr debattiert, dem vorgeworfen wird, kürzlich einen ausgesprochen schlechten Witz über Femizide gemacht zu haben. Nachdem die öffentliche Empörung nicht abebbte, erklärte er in den sozialen Medien, er habe nie einen Witz über Femizide gemacht; sein eigentliches Anliegen sei vielmehr die Kritik am Missbrauch des Begriffs „strukturell“ im Zusammenhang mit Behauptungen über strukturelle Gewalt von Männern gegen Frauen gewesen. Nuhrs Verteidigung besteht also darin, dass der Witz falsch kontextualisiert sei, wenn man ihn auf Femizide und nicht etwa auf strukturelle Gewalt von Männern beziehe. Allerdings ist fraglich, ob dies eine gelungene Verteidigung darstellt, denn die Rede von Femiziden setzt ja in der Tat eine strukturelle Form von Gewalt gegen Frauen voraus. So gesehen beruft sich seine Verteidigung lediglich auf eine anders nuancierte Paraphrase des Vorwurfs. (Welche Nuancierung? Nun, einmal betont man strukturelle Gewalt gegen Frauen; das andere Mal strukturelle Gewalt von Männern.) Mir geht es aber gar nicht so sehr um die mislungene Verteidigung Nuhrs an sich, sondern um den allseits verbreiteten Topos, etwas sei „aus dem Kontext gerissen“ bzw. falsch rekontextualisiert worden. Der Topos ist bei genauerem Hinsehen nämlich etwas eigenartig. Warum? Nun, Textverstehen ist oft nichts anderes als Rekontextualisierung.
Rekontextualisierung als Verstehen. – Wenn man davon ausgeht, dass jemand, der einen Text zu verstehen sucht, diesem zwangsläufig mit eigenen Voraussetzungen begegnet, dann ist Verstehen immer Rekontextualisierung. Es sei denn, man versteht unter Verstehen so etwas wie ‚ein Foto von einem Text machen‘. Ich ordne einen Satz oder eine Szene immer in meinem Horizont ein. Natürlich kann ich von meinem persönlichen Horizont Abstand nehmen, kann mich weiter informieren und weitere Aspekte betrachten, aber auch das ist eine Veränderung des Kontextes. Rekontextualisierung von Äußerungen ist also die normale Form des Verstehens. Übrigens auch des Verstehens von eigenen Äußerungen. Eine Grundform dieses Tuns ist das Zitieren. Denn beim Zitieren geht es oft um das Übertragen einer Äußerung in den Kontext einer Erklärung. Wenn dies zutrifft, dann scheint der Vorwurf, etwas sei aus dem Kontext gerissen, merkwürdig.
Absichtsvolles Missverstehen? – Jetzt kann man natürlich einwenden, dass es – zumal in politischen Debatten – häufig vorkommt, dass eine Äußerung willentlich missverstanden wird. Hier wird dann behauptet, man versuche eigentlich nicht, eine Äußerung zu verstehen, sondern man versuche, eine wohlverstandene Äußerung unangemessen auszulegen. Arndt Pollmann zufolge geht es dabei „um strategische Landgewinne. Man will der Blase beweisen, auf der richtigen Seite zu stehen. Das eigene Weltbild wird stabilisiert, indem das irritierende Contra ignoriert, verfälscht oder karikiert wird.“ Das scheint mir in der Tat eine treffende Beobachtung. Allerdings setzt die Idee der Verfälschung voraus, dass es eine unverfälschte Form der Deutung gibt. Natürlich kann man hier mit Recht auf das Principle of Charity verweisen, dem gemäß Äußerungen so rational wie möglich zu interpretieren sind. Allerdings lässt der bloße Verweis unerwähnt, dass dieses Prinzip auf geteilte Überzeugungen angewiesen ist. In diesem Sinne setzt die Idee der unverfälschten oder zumindest charitablen Deutung ein geteiltes Weltbild voraus. Gerade dies scheint beim absichtsvollen Missverständnis aber nicht gegeben zu sein. Was hier „absichtsvoll“ genannt wird, ist meines Erachtens lediglich die unterstellte Möglichkeit, jemanden auch anders verstehen zu können, als er oder sie es gerade tut. (Aber – um beim Beispiel zu bleiben – das hängt davon ab, ob ich die Äußerung des besagten Kabarettisten als frauenfeindlich einordne oder nicht. Und gerade das steht bei den unterschiedlichen Deutungen ja zur Debatte, kann also nicht als gegeben vorausgesetzt werden.) „Anders verstehen“ heißt in so einem Fall, jemandem ein Weltbild zuzuschreiben, das ich ihm aufgrund der getätigten Äußerung gerade absprechen will. Das Problem ist also, dass die charitable Interpretation davon abhängt, welche Einstellungen ich meinem Gegenüber sonst noch zuschreibe. Bei tiefgreifenden Dissensen über politische Fragen können ganz unterschiedliche Dinge rational erscheinen.
Zitate als Belege. – Ein Grundproblem bei all diesen Moves, also beim Vorwurf des falschen Rekontextualisierens und dem des absichtsvollen Missverstehens, scheint mir in der in akademischen Kreisen verbreiteten Tradition zu liegen, Zitate oder Verweise auf Texte bzw. Filmsequenzen als Belege zu behandeln. Natürlich gibt es manchmal unmissverständlich klare Aussagen, die für sich zu sprechen scheinen, aber in den allermeisten Fällen sind Äußerungen erst dann als Belege verwendbar, wenn sie im Kontext einer bestimmten Interpretation akzeptiert werden. „Das steht da doch gar nicht“ oder „das hab ich nicht gesagt“ hilft nicht weiter, wenn Äußerungen doch erst durch Kontextualisierung interpretierbar werden. Zitate sind daher gerade in Streitfragen nichts, das für sich als Beleg für eine Einstellung herangezogen werden könnte (es sei denn, es geht um die Frage, was jemand wörtlich gesagt hat).
Unangemessene Rekontextualisierung. – Aber auch wenn die meisten Verstehensakte auf Rekontextualisierungen angewiesen sind, gibt es angemessene und unangemessene Rekontextualisierungen. In diesem Sinne ist es völlig berechtigt, wenn sich eine Autorin oder ein Autor an der Interpretation der eigenen Äußerung beteiligt. (Nuhr allerdings scheint mit seiner Kontextualisierung gerade die für ihn missliebige Deutung unmerklich zu bestätigen.) Das ist aber, wie man so schön sagt, ein dialektisches Geschehen, bei dem man sich nicht schlicht darauf berufen kann, etwas anderes gesagt oder gemeint zu haben. Gleiches gilt natürlich auch für die Interpretierenden. Deshalb bleibt letztlich allen Beteiligten nur, sich weiter offen auszutauschen oder stur zu beharren.