Lesekompetenz als schwindende Situiertheit? (Video)

Hier findet sich das Video meines gleichnamigen Vortrags vom 25. Juni 2026 im Rahmen des Hagener forum philosophicum sowie als Keynote des Workshops Phänomenologie der Situation & Situierte Lektüren:

Abstract: Lesekompetenz als schwindende Situiertheit?

(Here is an English version of the talk.)

Ausgangspunkt ist die These, dass Lesekompetenz nicht lediglich eine Kulturtechnik, sondern eine historisch kontingente Form der Situiertheit ist, die bestimmte Praktiken des Denkens, Verstehens und Imaginierens überhaupt erst ermöglicht. Ausgehend von einem sozial-pragmatischen Verständnis des Lesens wird argumentiert, dass die Bedeutung von Texten nicht im Text selbst oder im lesenden Individuum liegt, sondern in den sozialen Interaktionen zwischen Leser*innen. Lesekompetenz erscheint dabei als historisch erworbene Voraussetzung für den distanzierten Umgang mit Schrift.

Anhand der Entwicklung von der mittelalterlichen Buchkultur zur scholastischen Universität wird gezeigt, wie sich Texte zu epistemischen Instrumenten abstrahieren konnten. Erst die zunehmende Beherrschung schriftsprachlicher Strukturen ermöglichte eine Loslösung des Textes von seinem materiellen Träger sowie neue Formen systematischen und reflexiven Denkens.

In einem zweiten Schritt werden Auswirkungen digitaler Medien auf diese Form der Lesekompetenz untersucht. Während die Buchkultur durch Distanz, Abstraktion und eine relative Entkopplung von unmittelbaren Handlungskontexten gekennzeichnet ist, binden soziale Medien schriftliche Kommunikation erneut eng an affektive Relevanzmarker, soziale Bewertungen und unmittelbare Anschlusshandlungen. Online-Kommunikation folgt damit zunehmend der Pragmatik gesprochener Sprache („fingered speech“).

Der Vortrag schließt mit der Überlegung, dass die für Buch- und Wissenskultur zentrale Fähigkeit epistemischer Distanznahme keine selbstverständliche anthropologische Konstante, sondern eine historisch fragile Errungenschaft ist. Sollte sich die soziale Funktion schriftlicher Texte grundlegend verändern, könnte auch die daran gebundene Form der Lesekompetenz und damit eine wesentliche Bedingung wissenschaftlicher und imaginativer Praxis allmählich verloren gehen.

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