Philosophie studieren mit KI: Eine persönliche Handreichung für Studierende und Kolleg*innen

Vorbemerkung

Diese Handreichung ist kein Regelwerk für das Philosophiestudium und soll auch keines sein. Sie ist ein persönlicher Vorschlag. Ich möchte Ihnen einige Gründe dafür geben, warum ich bestimmte Formen der Verwendung generativer KI im Philosophiestudium für problematisch halte und andere für sinnvoll oder zumindest unproblematisch. Was Sie daraus machen, ist eine andere Frage.

Mir ist dabei ein Punkt besonders wichtig: Regeln für den Einsatz von KI sollten begründet werden. Ich will also nicht so etwas sagen wie „KI ist verboten, weil KI-Nutzung Betrug ist“, sondern vielmehr dies: Was soll in einer bestimmten Lehrveranstaltung gelernt werden? Welche Tätigkeit soll eine Hausarbeit, ein Essay, ein Referat oder eine andere Prüfungsleistung ermöglichen? Und inwiefern unterstützt oder behindert der Einsatz von KI genau dieses Lernen?

Das ist auch der Grundgedanke einer aktuellen Empfehlung des MIT. Dort wird ausdrücklich dafür plädiert, KI-Regelungen mit den jeweiligen Lernzielen einer Veranstaltung zu verbinden und den Studierenden zu erklären, warum KI in einer bestimmten Situation verwendet werden darf, verwendet werden soll oder nicht verwendet werden soll. Das MIT hat deshalb auch keine einheitliche Regelung für alle Lehrveranstaltungen. Vielmehr sollen Lehrende für ihre jeweiligen Veranstaltungen begründete und transparente Regelungen entwickeln.

Ich halte diesen Ansatz auch für die Philosophie für besonders geeignet. Denn die Frage nach dem sinnvollen Einsatz von KI lässt sich hier nicht von der Frage trennen, was philosophisches Arbeiten überhaupt ist.

1. Worum geht es beim Philosophieren?

Wenn ich studentische Arbeiten lese, frage ich mich zunächst nicht, ob ein Text elegant formuliert ist. Ich frage mich: Was bewegt diesen Menschen? Wonach sucht er oder sie? Was versucht die Person auszudrücken? Welche Frage steht dahinter? Was ist die eigene These, die eigene Irritation, der eigene Einfall?

Manche Versuche sind zunächst tastend oder unbeholfen, andere sehr selbstbewusst. Aber darauf kommt es nicht zuerst an. Entscheidend ist, was jemand zu sagen versucht und warum dieser Versuch gelingt oder scheitert. Gerade das Scheitern ist dabei nicht einfach ein Fehler, den es möglichst zu vermeiden gilt. Manchmal gelingt es nicht, etwas gut in Worte zu fassen, weil es schwierig ist. Manchmal gelingt es nicht, weil etwas noch neu und ungedacht ist. Vielleicht hat man gerade etwas gesehen, für das man noch keine geeigneten Begriffe besitzt. Dann muss man ausprobieren, formulieren, wieder verwerfen, anders ansetzen. Dieses Stop-and-Go des Denkens und Schreibens gehört für mich zum philosophischen Arbeiten. Ein philosophischer Text ist deshalb nicht nur ein Behälter für fertige Gedanken. Er dokumentiert einen Versuch. Und in einem Versuch liegt immer die Möglichkeit des Scheiterns – aber eben auch die Möglichkeit einer Entdeckung.

2. Warum gerade das Schreiben wichtig ist

Man könnte nun sagen: Wenn die Gedanken bereits vorhanden sind, warum sollte man sie nicht von einer KI besser formulieren lassen? Das klingt zunächst plausibel. Aber damit verändert sich möglicherweise gerade das, was beim philosophischen Schreiben gelernt werden soll. Denn beim Schreiben stellen sich Fragen nicht nur vor der Formulierung. Sie entstehen häufig bei der Formulierung. Ein Gedanke kann sich verändern, während man versucht, ihn auszudrücken. Ein Begriff kann sich als ungeeignet erweisen. Eine Unterscheidung kann plötzlich wichtig werden. Eine zunächst nebensächliche Beobachtung kann sich als eigentlicher Kern des Arguments herausstellen. Das Schreiben ist dann nicht lediglich die Verpackung eines bereits vorhandenen Gedankens. Es ist eine Form des Denkens, jedenfalls in der Philosophie. Wer einen Text vollständig oder weitgehend von einer KI erzeugen lässt, kann deshalb unter Umständen genau jene Tätigkeit auslagern, durch die der eigene Gedanke erst entsteht. Das ist für mich der entscheidende Grund, warum ich mit KI-generierten philosophischen Texten so zurückhaltend bin (mehr dazu unter Punkt 12).

3. Drei Probleme des KI-geschriebenen oder durch KI „verbesserten“ Textes

In meinem persönlichen Umgang mit studentischen Texten sehe ich dabei insbesondere drei miteinander verbundene Probleme.

3.1 Ortlosigkeit: Woher kommt dieser Text?

Ein eigener Text hat eine Geschichte. Sie haben zunächst eine Frage. Sie lesen etwas. Sie verstehen etwas nicht. Sie machen eine Notiz. Sie verwerfen eine Idee. Sie finden einen interessanten Gedanken. Sie lesen Sekundärliteratur. Sie ändern Ihre Perspektive. Sie schreiben einen Absatz und finden ihn am nächsten Tag schlecht. Dann schreiben Sie ihn um. So entsteht allmählich eine Spur. Man könnte diese Spur mit einem Weg vergleichen. Am Anfang wissen Sie vielleicht ungefähr, wohin Sie wollen. Für einen Teil des Weges haben Sie Karten. Dann kommen Sie ins Unterholz. Dort müssen Sie sich selbst eine Schneise schlagen. Auch die Arbeit mit Sekundärliteratur kann dazu führen, dass man vom eigenen Weg abkommt. Andere haben bereits Wege angelegt. Sie können wichtiger, interessanter, autoritativer oder einfach leichter begehbar erscheinen als der eigene. Das gehört zum Lernen dazu. Aber gerade deshalb müssen Sie immer wieder Ihre eigene Stimme, Ihr eigenes Thema und Ihre eigenen Fragen wiederfinden. Es ist deshalb sinnvoll, eigene Ideen festzuhalten, bevor man sich vollständig in der Sekundärliteratur verliert. Ein eigener Text hinterlässt eine Spur, die Sie selbst wiedererkennen können. Sie können in früheren Entwürfen sehen, wie sich Ihr Denken verändert hat. Sie können sich über alte Formulierungen freuen oder über sie ärgern. Sie können feststellen, wann Sie etwas noch nicht verstanden haben und wann Sie eine entscheidende Unterscheidung gefunden haben. Ein KI-generierter Text hat diese Geschichte nicht. Er ist in diesem Sinne ortlos. Sie können sich in ihm nicht ohne Weiteres wiederfinden: nicht Ihre Hilflosigkeit, nicht Ihre Umwege, nicht Ihre originellen Einfälle und nicht die Entwicklung Ihres Gedankens. Damit verliert der Text etwas, das für das Studium und Ihre intellektuelle Biografie selbst wichtig ist.

Hier ließe sich nun einwenden, dass auch ein KI-generierter Text insofern eine Geschichte haben kann, als die Prompts und Responses im Chatverlauf dokumentiert sind. Das ist natürlich zutreffend, was die materielle Spur angeht. Hierauf würde ich zwei Dinge entgegnen: Erstens gibt diese Geschichte nicht Ihre Einsichten wieder: Es sind zwei völlig verschiedene Prozess, ob Sie aufgrund erneuter Lektüre oder aufgrund von Interaktionen Ihren Text überarbeiten oder ob Sie einen Chatverlauf dokumentiert haben. Denn es ist gar nicht gesagt, dass Sie den Chatverlauf in gleicher Weise kognitiv verarbeiten. Zweitens liegt ein weiteres Problem darin, dass die Interaktion mit einem Sprachmodell letztlich keine Interaktion mit einem ebenbürtigen Gegenüber ist, das eigene Überzeugungen, Gründe und Verantwortlichkeiten hat. Strenggenommen wird hier nur eine Interaktion simuliert. Kurz gesagt: Es ist zwar richtig, dass sie den Verlauf dokumentiert haben, aber damit ist eben nicht gesichert, dass ein geistiger Austausch stattgefunden hat. Vergleichbar ist dies mit einer Situation, in der Ihnen jemand sagt, Sie mögen es lieber so und nicht so schreiben. Hier können Sie eine Anweisung befolgen, ohne dass sichergestellt wäre, dass Sie verstanden haben, wie die Korrektur eigentlich begründet ist. Die materielle Dokumentation stellt also keineswegs sicher, dass das Geschriebene Teil Ihrer intellektuellen Auseinandersetzung bzw. Biografie ist.

3.2 Die „sanfte Übersetzung“

Ein zweites Problem entsteht bereits dann, wenn Sie die KI gar nicht darum bitten, einen vollständigen Text zu schreiben. Nehmen wir an, Sie haben selbst geschrieben und bitten die KI lediglich darum, Ihren Text sprachlich zu verbessern. Das klingt harmlos. Aber auch hier kann etwas Entscheidendes geschehen: Die KI übersetzt Ihre Entwürfe und Formulierungen in eine andere Struktur und häufig auch in eine leicht veränderte Fachsprache. Das Problem besteht gerade darin, dass die Veränderung oft so sanft ist, dass Sie sie nicht bemerken. Aus einem Begriff wird ein anderer. Aus einer Unterscheidung wird eine andere. Eine Formulierung klingt präziser, ist aber inhaltlich nicht mehr dieselbe.

Nehmen wir etwa die Begriffe „Subjektivität“ und „Individualität“. Die beiden Begriffe können im jeweiligen philosophischen Kontext ganz unterschiedliche Funktionen haben. „Subjektivität“ kann beispielsweise auf eine Perspektive oder eine erkenntnistheoretische Position zielen; „Individualität“ kann dagegen auf die Besonderheit eines Individuums verweisen und damit in einen anderen begrifflichen Zusammenhang gehören. Eine KI kann zwischen solchen Begriffen einen sprachlich vollkommen plausiblen Übergang herstellen. Aber bemerken Sie ihn? Wenn nicht: Dann haben Sie die Kontrolle über Ihren Begriff verloren. Wenn doch: Dann stellt sich eine andere Frage: Was ist das für eine Verbesserung, die Sie anschließend selbst wieder verbessern müssen? Gerade in der Philosophie ist das keine Nebensache.

Begriffe sind nicht bloß stilistische Varianten. Sie stehen in Diskussionen, Traditionen und Argumentationszusammenhängen. Ihre Bedeutung ergibt sich nicht unabhängig von diesen Zusammenhängen. Deshalb ist auch die scheinbar harmlose Bitte „Mach meinen Text etwas präziser“ nicht neutral. Sie sollten sich immer fragen: Was genau wird hier verändert – und kann ich diese Veränderung selbst beurteilen?

3.3 Der Text wird für andere unzugänglich

Das dritte Problem ist vielleicht das wichtigste. Ein philosophischer Text ist nicht nur etwas, das Sie abgeben. Er ist etwas, mit dem andere arbeiten können. Sie können ihn einer Kommilitonin geben. Sie können mit einem Kommilitonen darüber sprechen. Sie können Ihren Text einer Lehrperson zeigen. Jemand kann Ihnen sagen: „Hier verstehe ich nicht, was du meinst. Hier scheint mir ein Begriff falsch verwendet zu sein. Hier steckt vielleicht eine interessante Idee. Hier solltest du noch einmal weiterdenken.“ So entsteht ein Gespräch.

Stellen Sie sich wieder den Weg vor. Sie haben sich verirrt. Dann brauchen Sie jemanden, der Ihnen hilft. Vielleicht einen Weggefährten, der Ihnen ein Stück Gesellschaft leistet, eine Frage stellt oder einen Hinweis gibt. Genau hier kann philosophische Lehre ansetzen. Aber dafür muss in Ihrem Text etwas von Ihrem Weg erkennbar sein. Ein KI-geschliffener Text kann dagegen so glatt und allgemein werden, dass nicht mehr erkennbar ist, wo Sie selbst gerade stehen. Dann kann ich Ihnen schwerer helfen. Nicht weil der Text notwendigerweise schlecht geschrieben wäre. Sondern weil ich nicht mehr erkennen kann, wo Sie denken, wo Sie zweifeln, wo Sie sich verirrt haben und wo vielleicht etwas Interessantes entsteht. Der Text ist dann gewissermaßen überall – und deshalb nirgendwo.

4. Warum das in der Philosophie besonders wichtig ist

Vielleicht ist das alles in anderen Zusammenhängen weniger problematisch. Ich vermute sogar, dass in anderen Disziplinen das Schreiben einen anderen Stellenwert hat. Nicht etwa deshalb, weil dort nicht gedacht würde, sondern weil das Denken dort nicht nur oder nicht wesentlich im Schreiben geschieht, sondern vielleicht eher im Labor, im Experiment, im Erstellen von Graphen oder in der Diskussion. Es gibt auch Textsorten, bei denen vor allem Konventionen erfüllt werden sollen: Gebrauchsanweisungen, standardisierte Mitteilungen, bestimmte Formen technischer Dokumentation und vieles andere. In der Philosophie liegt die Sache für mich anders. Philosophie untersucht nicht nur einen Gegenstand. Sie fragt auch danach, wie wir uns zu diesem Gegenstand verhalten. Wir beziehen uns auf einen Gegenstand – und zugleich können wir uns reflexiv auf uns selbst als diejenigen beziehen, die sich auf diesen Gegenstand beziehen. Mit Blick auf diese Reflexivität stellen sich eigene Fragen: Wie tun wir das? Welche Perspektive nehmen wir ein? Könnten wir es anders tun? Welche Voraussetzungen machen unsere Sichtweise möglich? Damit wird der eigene Versuch selbst philosophisch relevant. Deshalb halte ich die Aspiration – den Versuch, etwas zu sehen, zu verstehen und auszudrücken – für einen zentralen Bestandteil philosophischer Arbeit. Ein Text muss nicht perfekt sein. Er muss zunächst einmal Ihr Versuch sein.

5. Was folgt daraus für den Einsatz von KI?

Aus dem bisher Gesagten folgt für mich keine einfache Regel „KI verboten“. Es folgt vielmehr eine andere Frage: Welche Tätigkeit soll durch den Einsatz der KI ersetzt oder verändert werden – und ist gerade diese Tätigkeit Teil dessen, was Sie in der Philosophie lernen sollen? Das ist ein entscheidender Unterschied. KI kann Ihnen Arbeit abnehmen. Aber die entscheidende Frage ist: Welche Arbeit? Wenn die KI Ihnen eine lästige, repetitive Tätigkeit abnimmt, muss das nicht problematisch sein. Wenn sie dagegen genau die Tätigkeit übernimmt, in der Sie lernen sollen, philosophisch zu denken, zu unterscheiden, zu argumentieren und einen eigenen Gedanken zu entwickeln, sieht die Sache anders aus. Deshalb halte ich es für sinnvoll, zwischen verschiedenen Formen der KI-Nutzung zu unterscheiden.

6. Einige Fragen, die Sie sich vor der Verwendung von KI stellen sollten

Bevor Sie KI für eine philosophische Aufgabe einsetzen, würde ich mir mindestens folgende Fragen stellen:

1. Was soll ich durch diese Aufgabe lernen? Nicht: Was soll am Ende auf dem Papier stehen? Sondern: Welche Fähigkeit soll ich durch das Schreiben erwerben oder einüben?

2. Welche Tätigkeit übernimmt die KI? Lässt sie mich einen Gedanken prüfen? Oder formuliert sie den Gedanken für mich? Hilft sie mir bei einer technischen Aufgabe? Oder ersetzt sie genau die Tätigkeit, die ich lernen soll?

3. Kann ich das Ergebnis selbst beurteilen? Wenn die KI einen Begriff verwendet, kann ich beurteilen, ob er philosophisch passt? Wenn sie eine Interpretation liefert, kann ich überprüfen, ob sie den Text tatsächlich trifft? Wenn sie Literatur nennt, kann ich überprüfen, ob diese Literatur existiert und ob sie das Gesagte tatsächlich unterstützt? Wenn ich das nicht kann, sollte ich mich auf das Ergebnis nicht verlassen.

4. Was verliere ich durch die Verwendung? Vielleicht spare ich Zeit. Aber was lerne ich nicht mehr? Welche Umwege erspare ich mir – und sind diese Umwege vielleicht gerade der eigentliche Lernprozess?

5. Kann ein anderer Mensch noch erkennen, wie ich zu diesem Text gekommen bin? Wenn nicht, kann auch die Möglichkeit verloren gehen, mit anderen über meinen Denkprozess zu sprechen.

7. KI als Gegenstand der philosophischen Arbeit

Aus meiner Sicht spricht das alles keineswegs dafür, KI aus der Philosophie herauszuhalten. Im Gegenteil. KI kann selbst ein hervorragender Gegenstand philosophischer Untersuchung sein. Sie können beispielsweise untersuchen,

  • wie ein Sprachmodell philosophische Begriffe verwendet,
  • wie es Argumente rekonstruiert,
  • wo es systematisch Unterschiede verwischt,
  • wie sich seine Antworten verändern, wenn sich der Kontext verändert,
  • welche Vorstellungen von Autorschaft darin vorausgesetzt werden,
  • wie sich der Begriff von „Verstehen“ verändert,
  • oder welche epistemischen und sozialen Bedingungen dafür notwendig sind, dass ein KI-generierter Text überhaupt als Wissen behandelt werden kann.

In solchen Fällen ist die KI nicht Ersatz für philosophisches Arbeiten. Sie ist Gegenstand des philosophischen Arbeitens. Auch die kritische Auseinandersetzung mit KI-generierten Texten kann deshalb eine ausgesprochen philosophische Übung sein.

8. Und wenn KI ausdrücklich erlaubt ist?

Auch dann würde ich nicht einfach fragen: „Wie kann ich möglichst viel Arbeit an die KI abgeben?“ Vielmehr sollten Sie sich fragen: „Wie kann ich die KI so einsetzen, dass ich dadurch mehr und nicht weniger lerne?“ Das kann beispielsweise bedeuten, einen eigenen Text zunächst selbst zu schreiben und ihn anschließend mit einem KI-generierten Text zu vergleichen. Oder die KI gezielt auf Gegenargumente anzusetzen. Oder sich eine alternative Interpretation eines philosophischen Textes geben zu lassen und anschließend zu prüfen, worin sie sich von der eigenen Interpretation unterscheidet. Oder einen KI-generierten Text auf begriffliche Verschiebungen, falsche Voraussetzungen und argumentative Lücken zu untersuchen. In solchen Fällen bleibt die entscheidende Tätigkeit bei Ihnen: Sie beurteilen. Und dafür brauchen Sie philosophische Kenntnisse.

9. Verantwortung für KI-Ergebnisse

Wer KI verwendet, bleibt für das Ergebnis verantwortlich. Das gilt insbesondere für Tatsachenbehauptungen, Quellen, Zitate und Interpretationen. Sprachmodelle können überzeugend formulierte, aber falsche Angaben produzieren; insbesondere können sie Quellen und Zitate erfinden oder falsch wiedergeben. Auch das MIT weist ausdrücklich darauf hin, dass Studierende bei der Verwendung generativer KI die Ergebnisse kritisch prüfen müssen und für die Inhalte ihrer eingereichten Arbeiten verantwortlich bleiben. Deshalb gilt unabhängig davon, ob KI in einer Aufgabe erlaubt ist: Übernehmen Sie nichts, was Sie nicht selbst verantworten können. Eine KI-Antwort ist kein Beleg dafür, dass etwas stimmt. Eine KI genannte Quelle ist kein Beleg dafür, dass die Quelle existiert. Und eine plausible philosophische Formulierung ist kein Beleg dafür, dass der verwendete Begriff im jeweiligen philosophischen Zusammenhang richtig ist.

10. Warum ich keine einheitliche KI-Regel für alle philosophischen Veranstaltungen oder Arbeiten vorschlagen möchte

Ich halte es für sinnvoll, dass es institutionelle Orientierung und gemeinsame Grundsätze gibt. Die konkrete Entscheidung sollte aber möglichst dort getroffen werden, wo die Lernziele bekannt sind: bei der jeweiligen Lehrveranstaltung und der jeweiligen Prüfungsleistung. Eine Hausarbeit, in der Studierende lernen sollen, selbst eine philosophische Position zu rekonstruieren und kritisch zu beurteilen, kann andere Anforderungen an KI stellen als eine Veranstaltung, in der KI selbst Gegenstand der Untersuchung ist. Eine Aufgabe kann KI ausschließen, weil gerade die eigenständige Formulierung und Argumentation geübt werden soll. Eine andere kann KI ausdrücklich zulassen oder sogar verlangen, weil der kritische Umgang mit KI Teil des Lernziels ist. Entscheidend ist, ob sie einen nachvollziehbaren Grund hat.

11. Ein Vorschlag für Lehrende

Ich würde Lehrenden deshalb empfehlen, bei jeder Veranstaltung drei Fragen ausdrücklich zu beantworten: Was sollen Studierende lernen? Welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Formen des Denkens sollen am Ende vorhanden sein? Welche Rolle kann KI dabei spielen? Kann sie diesen Lernprozess unterstützen? Kann sie ihn gefährden? Oder ist sie selbst Teil des Lerngegenstands? Warum ist KI hier erlaubt, eingeschränkt oder ausgeschlossen? – Diese Begründung sollte den Studierenden mitgeteilt werden.

Das ist auch der Kern der aktuellen MIT-Empfehlungen: Eine KI-Regel soll nicht nur festlegen, was erlaubt oder verboten ist, sondern erläutern, warum dies im Hinblick auf die Lernziele der jeweiligen Veranstaltung sinnvoll ist. Für mich ist das auch eine Frage des Respekts. Wer eine Regel versteht, kann sich zu ihr verhalten. Wer nur eine Regel erhält, kann sie lediglich befolgen oder umgehen.

12. Mein persönlicher Vorschlag

Wenn Sie mich nun fragen, wie ich selbst mit KI in philosophischen Arbeiten umgehen würde, ist meine Antwort relativ klar: Ich würde philosophische Texte selbst schreiben. Ich würde insbesondere die Entwicklung eigener Gedanken, die argumentative Strukturierung, die begriffliche Arbeit und die Formulierung der eigenen Position nicht an eine KI delegieren. Auch eine rein stilistische Überarbeitung würde ich nicht für selbstverständlich harmlos halten. Denn gerade hier können sich jene kleinen begrifflichen Verschiebungen einschleichen, die man erst bemerkt, wenn man bereits die Kontrolle über den eigenen Text verloren hat. Das ist allerdings mein persönlicher Vorschlag und keine allgemeine Vorschrift. Andere Lehrende können aus ihren Lernzielen zu anderen Entscheidungen kommen. Und auch Sie müssen sich zu dieser Frage ein eigenes Urteil bilden.

Weiterführend zum Hintergrund für diese Handreichung: Warum ich an jedem KI-generierten Text sofort das Interesse verliere – Video von Martin Lenz

Zum Ansatz des MIT: MIT Teaching + Learning Lab: GAI & Course Design – Policies & Practices. Das MIT hat im August 2026 außerdem den Abschlussbericht seines Ad Hoc Committee on AI Use in Teaching, Learning, and Research Training veröffentlicht. Der Bericht versteht die Auseinandersetzung mit KI ausdrücklich als Anlass, Lernziele, Prüfungsformen und die soziale Dimension universitärer Bildung neu zu reflektieren: MIT: Final Report des Ad Hoc Committee on AI Use in Teaching, Learning, and Research Training

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Auch KI-Handreichungen entstehen nicht im Nirgendwo. Daher möchte ich meinen Kolleg*innen Charlotte Baumann, Andreas Giesbert und Timm Lampert herzlich für zahlreiche Kommentare danken.

6 thoughts on “Philosophie studieren mit KI: Eine persönliche Handreichung für Studierende und Kolleg*innen”

  1. Der Text benennt ein reales Problem: Wenn generative KI die Formulierung, begriffliche Arbeit und argumentative Entwicklung einer philosophischen Arbeit vollständig übernimmt, kann sie gerade jene Tätigkeiten verdrängen, durch die philosophische Urteilskraft entsteht. Die Warnung vor der „sanften Übersetzung“ ist deshalb ernst zu nehmen. Begriffe sind keine stilistischen Varianten, und ein sprachlich besserer Satz kann philosophisch ein schlechterer Satz sein.

    Die Perspektive bleibt jedoch dort zu eng, wo sie den einzelnen Menschen zum privilegierten Ort philosophischer Genese macht. Dem Modell wird vor allem die Funktion zugeschrieben, eine bereits vorhandene menschliche Tätigkeit zu ersetzen oder zu unterstützen. Damit gerät aus dem Blick, dass philosophisches Denken seine Möglichkeiten immer schon durch Medien, Werkzeuge, andere Menschen, Bibliotheken, Archive und institutionelle Strukturen erweitert hat. Niemand denkt philosophisch aus einem unvermittelten Inneren heraus. Der philosophische Gedanke ist nicht deshalb weniger „eigener“, weil er durch Lektüre, Gespräch, Notizen, Bücher oder begriffliche Traditionen zustande kommt. Die interessante Frage ist daher nicht, ob ein Gedanke unter dem Einfluss eines äußeren Mediums entstanden ist, sondern welche Operationen dieses Medium ermöglicht.

    Hier verändert generative KI die Bedingungen philosophischer Arbeit erheblich. Ein Studierender kann heute eine große Zahl von Varianten einer These prüfen lassen, Gegenargumente erzeugen, mögliche begriffsgeschichtliche Anschlüsse untersuchen, Positionen aus unterschiedlichen Traditionen miteinander konfrontieren und nach Vorläufern einer eigenen Idee suchen. Die begrenzte Fähigkeit eines einzelnen Menschen, alles Relevante zu lesen, bleibt bestehen; aber sie muss nicht mehr in gleicher Weise die Grenze dessen bilden, was überhaupt exploriert werden kann.

    Das hat auch für die Originalität eines Gedankens Bedeutung. Eine Idee wird nicht selten deshalb fallengelassen, weil ihre Verfolgung zu aufwendig erscheint: Vielleicht ist sie längst gedacht worden, vielleicht führt sie in eine Literatur, die allein nicht zu bewältigen ist, vielleicht fehlen die Mittel, die Konsequenzen einer zunächst vagen Verbindung zu prüfen. Generative KI kann hier eine vorgelagerte Exploration ermöglichen. Sie kann eine These gegen zahlreiche Einwände halten, nach möglichen Vorläufern suchen oder unterschiedliche theoretische Rekonstruktionen erzeugen. Das Ergebnis ersetzt die Forschung nicht. Es entscheidet auch nicht über Originalität. Es kann aber darüber entscheiden helfen, ob sich die weitere Verfolgung eines Gedankens lohnt.

    Noch weiter geht die generative Dimension. Ein Sprachmodell muss nicht erst eine vollständig bestimmte Aufgabe erhalten, um nützlich zu sein. Ein vager Gedanke, eine Metapher, eine eigentümliche Verbindung von Begriffen kann ausreichen, um Varianten hervorzubringen, die der Nutzer nicht vorausgesehen hat. Manche werden banal oder falsch sein. Andere können eine Differenz sichtbar machen, die im Ausgangsgedanken noch nicht artikuliert war. Man weist eine Antwort zurück und versteht dadurch genauer, was man eigentlich behaupten wollte; man entdeckt in einer falschen Antwort eine brauchbare Unterscheidung; eine unerwartete Verbindung führt zu einer Frage, die vorher nicht gestellt wurde.

    Das ist keine Mystifizierung von KI als autonomem Denker. Es handelt sich um eine Form von Emergenz im Verhältnis zwischen Nutzer und generativem System: Der Ausgangspunkt bestimmt den Output nicht vollständig. Wer ein generatives Instrument benutzt, setzt Bedingungen, erhält aber nicht in jedem Detail das Ergebnis, das aus diesen Bedingungen folgt. Die Abweichung zwischen Intention und Aktualisierung kann selbst Erkenntniswert gewinnen.

    Der Vergleich mit dem Cembalo und dem Synthesizer macht diese Veränderung anschaulich. Der Synthesizer ist nicht einfach ein Cembalo mit erweitertem Tonumfang. Er verändert den Möglichkeitsraum des Musikers. Ein fixes Preset verhält sich noch wie ein vorgefertigtes Instrument. Werden Parameter dagegen offen moduliert, entsteht eine kontrollierte Unbestimmtheit: Der Spieler bestimmt Bedingungen, ohne jeden Klang im Voraus festzulegen. Was dabei entsteht, hängt von seinem Eingriff ab, ist aber nicht vollständig in ihm enthalten.

    Für generative KI gilt etwas Ähnliches. Ihr interessanter Gebrauch besteht nicht nur darin, eine präzise definierte Anweisung möglichst effizient ausführen zu lassen. Ein philosophisch produktiver Prompt kann einen Problemraum begrenzen, ohne seine Aktualisierung vollständig vorzugeben. Das Modell erzeugt dann Variationen, Verschiebungen und Anschlüsse, die anschließend geprüft, verworfen, verändert oder weiterentwickelt werden. Der Mensch verliert dadurch nicht notwendig die Autorschaft. Die Form seiner Autorschaft verändert sich: Sie liegt weniger ausschließlich in der Produktion jedes einzelnen sprachlichen Elements als in der Bestimmung von Problem, Richtung, Kriterien und Auswahl.

    Damit kommt eine Dimension in die Debatte, die bislang wenig Raum erhält: Neugier und spielerische Exploration. Die Diskussion über KI ist stark von Kontrolle, Täuschung, Halluzination, Delegation und Prüfungsintegrität geprägt. Für die Philosophie reicht dieses Vokabular nicht aus. Philosophische Arbeit besteht auch darin, einer unerwarteten Verbindung nachzugehen, eine noch nicht ausformulierte Frage zu verfolgen oder eine begriffliche Verschiebung zunächst einmal zu sehen, bevor man entscheidet, ob sie trägt. Ein generatives System kann die Zahl solcher Begegnungen drastisch erhöhen.

    Das setzt allerdings eine andere Form von Urteilskraft voraus als die bloße Kontrolle eines fertigen Textes. Wer mit einem generativen Instrument arbeitet, muss Vorschläge erzeugen können, ohne sie für Einsichten zu halten; Variationen verfolgen können, ohne jede davon übernehmen zu müssen; Überraschungen erkennen können, ohne ihnen vorschnell epistemischen Status zuzuschreiben. Die philosophische Leistung liegt in der Verarbeitung des erzeugten Materials.

    Das relativiert auch das Bild des einzelnen Philosophen, der seinen authentischen Gedanken gegen äußere Einflüsse verteidigen müsse. Philosophisches Denken war nie die Produktion aus einem isolierten Inneren. Es ist von Anfang an Arbeit mit bereits vorhandenen Begriffen, Texten, Einwänden, Instrumenten und Gesprächspartnern. Generative KI fügt diesem Gefüge ein neuartiges Instrument hinzu. Seine Besonderheit besteht darin, dass es nicht nur vorhandenes Material zugänglich macht, sondern selbst Variationen erzeugt und damit den Raum möglicher Anschlüsse erweitert.

    Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein, welche philosophische Arbeit KI ersetzen kann. Sie lautet ebenso, welche philosophische Arbeit ohne ein solches Instrument gar nicht oder nur unter erheblich anderen Bedingungen möglich wäre. Wer diese zweite Frage ausblendet, sieht in KI vor allem eine Gefahr für eine bestehende Praxis. Wer sie ernst nimmt, hat Anlass zu untersuchen, ob hier eine neue Form philosophischer Exploration entsteht: nicht als Ablösung des menschlichen Denkens, sondern als Erweiterung seines epistemischen und generativen Spielraums.

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    1. Lieber Anonymus,

      vielen Dank für die Replik. Der Antworttext klingt in meinen Ohren zwar recht KI-lastig, wenn ich das so sagen darf, aber es liegen darin zwei wichtige Punkte, auf die ich gerne reagieren möchte:

      (1) Sie schreiben, es liege ein Problem darin, “den einzelnen Menschen zum privilegierten Ort philosophischer Genese” zu machen. Wenn mein Text das suggeriert haben sollte, so lasse ich mich gern korrigieren. Wie ich u.a. in Punkt 3.3 nahelege, geht es bei philosophischer Arbeit wesentlich um Interaktion, mit anderen Personen ebenso wie mit Institutionen und vielem mehr. Genau diesen interaktiven Aspekt verkürzt man meines Erachtens gravierend, wenn man ihn lediglich als “Einfluss eines äußeren Medium” paraphrasiert. Solche Interaktionen sind nämlich keineswegs “äußerlich”, sondern Teil der philosophischen Arbeit selbst. Allerdings muss man, um sinnvoll in solche Interaktionen eintreten und bestehen zu können, eigene und andere Perspektiven unterscheiden lernen. Die Eigenheit liegt hier also keineswegs in der Abgeschiedenheit, sondern in der Fähigkeit, in der Vielfalt von Perspektiven und medial vermittelten Zugängen diejenigen Punkte zu finden, von denen man überzeugt ist, um sie von anderen zu unterscheiden, vonen denen man nicht überzeugt ist.

      (2) Sie schreiben, man müsse auch fragen, “welche philosophische Arbeit ohne ein solches Instrument [wie KI] gar nicht oder nur unter erheblich anderen Bedingungen möglich wäre.” Das finde ich ebenfalls wichtig. Allerdings setzt diese Art von Arbeit Kompetenzen voraus, die zunächt (zum Beispiel in einen Philosophiestudium) erworben werden müssen. Wenn Sie sagen, ein “Studierender kann heute eine große Zahl von Varianten einer These prüfen lassen …” ist dieses “kann” gerade ein Können, das erst erlernt werden muss. Natürlich kann man mit der KI tolle Sachen machen, aber man muss es auch können, ohne Gefahr zu laufen zu delegieren. Einige Kolleg*innen können das in der Tat, aber nur weil sie gelernt haben, die eigenen Perspektiven von anderen Perspektiven zu unterscheiden.

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      1. Lieber Herr Prof. Lenz,

        vielen Dank für die ausführliche Antwort. Und ja: Der Text ist, wie auch dieser, KI-generiert, was aber am Argument nichts ändert, wie sich unten noch zeigen wird.

        Der Kern Ihrer beiden Repliken läuft, bei aller Nuancierung, auf eine gemeinsame Bewegung hinaus: Sie verlagern die Frage vom Ort auf die Fähigkeit. Sowohl die Eigenheit als auch das Können erscheinen dabei als Voraussetzungen, die vor der Interaktion mit KI bereits vorliegen müssen. Ich möchte gegen diese Vorgängigkeitsannahme argumentieren, ohne deshalb zu bestreiten, dass eine Zurechnungsinstanz beziehungsweise ein Mindestmaß an Urteilsfähigkeit überhaupt gebraucht wird.

        Zu (1): Dass wer eigene von fremden Überzeugungen unterscheiden soll, eine Instanz braucht, der Überzeugungen als eigene zugerechnet werden können, bestreite ich nicht. Was ich bestreite, ist, dass diese Instanz bereits vor der Interaktion in bestimmter Form vorliegen muss, wie Ihre Formulierung nahelegt. Philosophisches Denken war immer schon aus Übernahmen, Zitaten, Einwänden und Zufällen zusammengesetzt; das Eigene bezeichnet dann weniger einen ursprünglichen Bestand, auf den fremde Perspektiven anschließend träfen, als eine Form, die sich erst im Prozess der Aneignung herausbildet. 

        Generative KI stellt die Vorstellung eines vorgängigen Eigenen damit nicht grundsätzlich in Frage, sie exponiert aber einen Sachverhalt, der ohnehin besteht: Wenn aus einer vagen Eingabe eine Vielzahl von Varianten, Gegenpositionen und unerwarteten Verbindungen hervorgeht, wird sichtbar, dass ein Gedanke keinen eindeutig lokalisierbaren Ursprung besitzen muss. Was anschließend als meine Perspektive erscheint, ist das Resultat eines Prozesses, in dem heterogenes Material selektiert, verworfen und angeeignet wurde, und die Zurechnungsinstanz, die diese Selektion trägt, ist eher Ergebnis als Ausgangspunkt dieses Prozesses.

        Zu (2): Sie haben recht, dass man KI nicht sinnvoll nutzen kann, ohne unterscheiden, prüfen und gewichten zu können, und ich will nicht behaupten, dass diese Fähigkeit voraussetzungslos aus der Nutzung selbst entsteht; ein solcher Anspruch würde sich an den eigenen Beispielen selbst widerlegen, da jede Tätigkeit des Verwerfens oder Entscheidens bereits ein Mindestmaß an Urteilsfähigkeit voraussetzt. Was sich aber bestreiten lässt, ist, dass diese Fähigkeit vor jeder KI-Nutzung bereits vollständig ausgebildet sein muss, wie es Ihr Bild des Studierenden nahelegt, der erst lernen müsse, was er anschließend könne. Plausibler ist, dass nur ein Minimum vorgängig vorhanden sein muss und sich der Rest gerade im Umgang mit dem generativen Möglichkeitsüberschuss ausdifferenziert, im Vergleichen von Varianten, im Verwerfen plausibler, aber unhaltbarer Vorschläge, im Erkennen unerwarteter Verbindungen. Die Aufgabe wäre dann nicht, zunächst ein fertiges Können auszubilden und erst danach den Umgang mit KI zu empfehlen, sondern zu klären, welches Minimum vorausgesetzt sein muss, damit diese Konfrontation zur Differenzierung führt statt zur bloßen Übernahme des Plausibelsten.

        Zur Verfasserschaft dieses Textes: Dass er, wie eingangs erwähnt, KI-generiert ist, möchte ich nicht als Randbemerkung behandeln, sondern als Beleg für die vertretene These heranziehen. Wenn Eigenheit und Können sich, wie hier behauptet, im Vollzug der Interaktion mit heterogenem Material bilden, dann müsste sich das auch an der Entstehung dieses Textes zeigen lassen: Aus einem Möglichkeitsüberschuss an Formulierungen, Gegenargumenten und Präzisierungen wurde ausgewählt, verworfen und zugespitzt, bis die vorliegende Fassung entstand, und genau diese Auswahl ist die Zurechnungsleistung, von der die Rede war. Der Text wäre damit kein Gegenbeispiel zur eigenen Position, sondern deren Vollzug. Dagegen ließe sich einwenden, dass sich diese Genese am fertigen Ergebnis gar nicht überprüfen lässt, da man dem Text seine Entstehung nicht ansieht. Dieser Einwand trifft zu, betrifft aber nicht nur diesen Text: Auch bei menschlicher Autorschaft lässt sich aus dem fertigen Ergebnis allein nie erschließen, welcher Anteil an Übernahme, Zufall und eigener Zurechnung tatsächlich vorlag. Die Unüberprüfbarkeit ist also eine allgemeine Grenze der Beurteilung von Genese-Thesen anhand fertiger Texte.

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        1. Lieber Anonymus,

          bitte entschuldigen Sie, aber ich muss jetzt mal die Tonart wechseln: Große Sprachmodelle haben den Intellekt einer Pinnwand, die vorgibt, ein Gespräch zu führen.

          Jedenfalls wird das jetzt sehr deutlich. Und wissen Sie, lieber Anonymus, was dabei so richtig unangenehm ist? Nein? Es ist der Mangel an Erkenntnisinteresse und an Interesse überhaupt. Es ist dieser, der sich bei mir spiegelt (wie im oben verlinkten Video ausgeführt). Das ist ein Geschwätz, das endlos fortdauern könnte, ohne je einen echten Punkt machen zu wollen.

          Ich gebe Ihrem Sprachmodell jetzt mal eine echte Aufgabe, damit sich das ändert: Bitte, liebe Pinnwand, simuliere gekonnt einen Philosophen oder meinetwegen eine Philosophin, die jetzt die drei Strohmann-Argumente aus ihrem eigenen Text heraussucht und sie mir klar benennt und dann kurz erklärt, warum es Strohmänner sind, und dann noch erläutert, warum sie sich ihrer bedient hat, anstatt auf mich einzugehen.

          Sie, lieber Anonymus, können dann gern prüfen, ob die Angaben Ihres Sprachmodells überzeugend sind.

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  2. Sanfte Grüße, lieber Martin Lenz, 

    ich bin extrem begeistert von Ihrem Text. Die Diskussion über KI-Nutzung (besonders im Studium) verfolge ich schon einige Zeit auf verschiedenen Plattformen mit unterschiedlichsten Kommentatoren und deren Ansichten. Ihre Handreichung ist mit Abstand das wohlwollendste und vernünftigste, was ich lesen durfte. Es ist großartig, dass sich jemand aus dem Lehrbetrieb den Studenten zuwendet und nicht versucht per se neue Technologien abzuwehren.

    Ihr Text zeigt auch deutlich, wie ein Denkprozess wächst, was mit einem KI-generierten Text so einfach nicht möglich wäre. Denn am Anfang des Durchlesens hätte ich gern bei ein paar Punkten eingehakt, bis aber beim Weiterlesen mir fehlende Begriffe oder Denkansätze mir dann doch aufgegriffen schienen. 

    Gern würde ich bei ein paar Punkten bei Ihnen nochmal genauer nachfragen wollen, da mir noch etwas aufgefallen ist. Am Ende möchte aber auch ich als Studierender Ihnen meine Hand reichen und hoffe weitere Anregungen „demütig“ mitgeben zu dürfen. 

    Zum 1. Punkt: 

    Hier stolpere ich über die letzten drei Sätze. Denn ein philosophischer Text ist für mich kein „dokumentierter“ Versuch eigener philosophischer Arbeit. Das (akademisierte) philosophische Arbeiten verstehe ich ebenfalls nicht als einen „Versuch“. Ich verstehe nicht, wie man an einem Text den Entstehungsprozess und die dahinterliegenden Gedanken und Verwerfungen erkennen könnte (KI generiert oder nicht), es sei denn dies wäre expliziter Bestandteil. Daher meine Frage, wie der Weg zum Text sowie die Textproduktion im „fertigen“ Text (also „fertige Gedanken“) ablesbar sein könnten. Ich frage das ganz naiv als Student, da noch ein weiterer Punkt „drückt“: Ich denke vordergründig steht bei der Abgabe einer schriftlichen Leistung nicht ein „Versuch“ mit der „Möglichkeit des Scheiterns“ im Vordergrund. Das kann man aber natürlich so sehen und man versteht diese Perspektive aus Sicht eines Lehrenden sehr gut. Hier entdecke ich aber, dass der Studierende sich in die Sichtweise des Lehrenden versetzen soll. Sollte das denn nicht eher (bzw. in den meisten Fällen sogar) umgekehrt sein? Bei der Abgabe einer schriftlichen Leistung sind allem voran Erwartungen geknüpft. Die Erwartung einer guten Note oder eines bloßen Bestehens kann freilich „scheitern“, aber beim Scheitern eines (vielleicht sogar letztmaligen) „Versuchs“ wird sich niemand mit einer „Möglichkeit einer Entdeckung“ trösten. Bei der Verwendung von Hilfsmitteln (Sekundärliteratur, Austausch mit Gleichgesinnten oder eben KI) im eigenen philosophischen „Treiben“ liegt das Interesse im Minimieren des Risikos eines Scheiterns. 

    Ihre Antwort auf Ihre Frage „Worum geht es beim Philosophieren?“ habe ich mir im Laufe des Studiums mühselig erarbeitet. Angefangen hatte ich im Studium mit diesem Begleiter Schamberger, Christoph / Hardy, Jörg: „Gibt es eine universale philosophische Methode?“, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 63 (2015), H. 4, S. 644–669. Auch schön geschrieben: „Irgendwann einmal verspürt jeder einen gewissen Impuls. Gewöhnlich taucht er als ein Gefühl, als ein Staunen oder als Beunruhigung auf, und oft genug verwandelt er sich in eine vage, aber anregende Frage“ (Rosenberg, Jay F. „Philosophieren. Ein Handbuch für Anfänger“, S. 16).

    Zum Punkt 3.1 (zweiter Absatz) und 3.2:

    Das ist, finde ich, mit der heutigen KI-Entwicklung ziemlich schwierig. Zum Einen sind die heutigen Modelle erstaunlich präzise, zum Anderen werden Veränderungen an Sätzen/Wortstellungen nicht nur verdeutlicht, sondern besonders genau erklärt und begründet. Eine unbemerkte Verschiebung sehe ich zwar ebenfalls als gegeben an und das Hinterfragen muss geübt sein, aber wo hört dann der Skeptizismus auf? Das soll aber nicht heißen, man solle bei starken Modellen das Hinterfragen beenden. Es könnte jedoch mehr vom eigentlichen Gedanken ablenken und man verfängt sich. Ich denke, da verstehe ich Sie richtig.

    Zum Punkt 3.3: 

    Ich denke, wenn ziemlich platt ein Prompt abgesetzt und der KI-generierte Text 1:1 übernommen wird (das sind die typischen Anfänger), ist das durchaus problematisch aber auch von dem Nutzer schon ziemlich nachlässig. Hier kann man Ihnen nur uneingeschränkt zustimmen – der Student lernt nicht, er lernt nichts. 

    Aber man müsste auch die andere Seite betrachten: was ist, wenn das menschliche Gegenüber selbst KI für die Analyse meines Textes verwendet und auf Fragen kommt, die die Person ohne KI so nicht hätte stellen können? Im direkten Dialog kann KI (noch) ausgegrenzt werden. 

    Weiter könnte man sich auch vorstellen, dass man KI so konfiguriert, dass sie als Sparringspartner dient. Daraus ergeben sich ziemlich interessante Möglichkeiten des Lernens. Das hat dann mit Textgenerierung (fertiger Text) freilich erstmal weniger zu tun. 

    Meine persönliche Angst: Der Verdacht der KI-generierung wird wohl seit ca. 2022 von Lehrenden beim Lesen/Korrigieren leider unablegbar mitschwingen. Hier meine Handreichung an Lehrende: nehmen Sie bitte die unten zu Punkt 9 beschriebene „Aneignung“ bei Verwendung von KI-generierten Texten bzw. Textbestandteilen an.

    Zum Punkt 4: 

    Schön, dass Sie den Begriff der Reflexivität nennen. Der fehlt in vielen Diskussionen. Allerdings unerwartet anders, als ich zunächst erwartete. Wäre es denn nicht denkbar, dass durch das Chatten mit KI sowie durch das spätere „studieren“ des Chatverlaufs ebenfalls eine Reflexivität entsteht, die sehr hilfreich und fruchtbar für das eigene philosophische Treiben wäre? Sie haben ja in 3.1 auf die kognitive Verarbeitung hingewiesen, weshalb ich hier gern auf das Reflektieren der eigenen Intuition beim Philosophieren hinweisen möchte. 

    Zum Punkt 5:

    Richtig, ein KI-Verbot wäre aus heutiger Sicht auch gänzlich unmöglich. Es müsste nicht nur sehr genau spezifiziert werden, was genau verboten sein soll – da müssten sich ja auch die Lehrenden schon sehr gut auskennen. Auch schon Textverarbeitungsprogramme haben mit den automatischen Wortkorrekturen und -vorschlägen schon eine wahrscheinlichkeitsberechnende Veränderung meiner Wortwahl zur Folge. Und die Google-Suchmaschine nennt ihr Eingabefeld immer noch „Suchfeld“. Ein Begriff genügt und sie erhalten durch die beigeschobene KI-Funktion eine Antwort „untergejubelt“ deren Frage sie überhaupt nicht gestellt haben. Die Intention für die „Suche“ war vielleicht eben eine ganz andere…

    Ihrem letzten Satz aus 7. und Ihrem 8. Punkt kann ich nur zustimmen. Großartig!! 

    Ich hätte zum 9. Punkt, insbesondere zum Begriff Verantwortung noch zwei Ergänzungen: 

    Erstens fällt es uns allen sehr schwer, genügend Abstand zu schwer durchschaubarer Technologie zu wahren, weshalb wir alle u. a. zur Anthropomorphisierung neigen, selbst dann, wenn wir uns des Abstands bewusst sind, jedoch Sachverhalte besser erklären wollen. Diese Wahrung eines Abstands ist leichter, als man denken möchte, mit folgendem Beispiel:

    Egal welche KI man im Speziellen meinen möge, KI ist ganz einfach gesagt nur eine enorm komplizierte und mit vielen und sehr raffinierten Algorithmen ausgestattete Rechenmaschine, die auf unglaublich extrem schneller Hardware laufen muss. Anders als ein Taschenrechner mit verschalteten Leitungen, der so gebaut ist, dass er korrekt rechnet, produziert eine KI jedoch auf Wahrscheinlichkeitslogik basierende Ergebnisse. Diese Ergebnisse sind plausibel, aber nicht deshalb schon wahr. Beim Taschenrechner ist ein falsches Ergebnis dagegen in der Regel ein Bedienfehler: Wenn Sie sich nicht im binären Zahlenraum befinden und beispielsweise vergessen oder aus anderen Gründen Ihren Taschenrechner entsprechend umzustellen, erhalten Sie bei der Addition von 1 mit 1 als Ergebnis 10, was in Ihrem Zahlenraum falsch wäre. Bei 1 + 1 + 1 wäre das Ergebnis 11. Der Taschenrechner hat richtig gerechnet, er war nur falsch eingestellt. Bei einer KI gibt es für viele Fehler keine solche Einstellung. Eine Quelle, die es nicht gibt, existiert in keinem Zahlenraum. Trotzdem ist es irreführend, davon zu sprechen, dass die KI etwas erfindet sowie (in den Medien/Marketing prominent) halluziniert oder täuscht, denn solche Begriffe unterstellen ihr eine Absicht. Sachlich richtig ist: Sie kann falsche Angaben produzieren und gerade weil diese oft überzeugend formuliert sind, fallen sie nicht auf. Ich finde diese Art des Verstehens im Umgang mit KI für extrem wichtig, denn sie schützt vor zwei Fehlern zugleich: davor, der KI Absichten zuzuschreiben und davor ihr so zu vertrauen, wie einem Taschenrechner.

    Zweitens: Im Laufe des Lebens eignen wir uns so viele Dinge an: Kinder lernen Buchstaben, die sie nicht erfunden haben; lernen Wörter, Satzkonstruktionen, Zahlen und Konzepte als Werkzeuge, die ja alle nicht durch eigene Kreativität entstanden sind. 

    Beim Taschenrechner vertrauen wir diesem Werkzeug selbst dann, wenn wir Rechenaufgaben im Kopf hätten rechnen können. Bei der Benutzung des Taschenrechners vertrauen wir daher praktisch blind auf dessen Ergebnis und verwenden es ganz selbstverständlich, wie das Benutzen von Buchstaben und Wörtern, weil der Taschenrechner zuverlässig rechnet. Es findet also hier eine Assimilierung bzw. „Aneignung“ von Werkzeugen statt. Wenn wir maschinell erstellte (bzw. KI-generierte) Texte verwenden bzw. weiterverwenden für ein definiertes Ziel, wird KI aber eben nicht nur als Werkzeug genutzt. Wer copy and paste verwendet, täuscht eine Aneignung vor, weil man ein Argument oder eine Interpretation übernimmt. Dieses Konzept der Aneignung geht der Fähigkeit, Verantwortung zu tragen, unmittelbar voraus. Man könnte daher beim 9. Punkt ergänzen: Wer KI verwendet, bleibt für das Ergebnis verantwortlich, auch wenn die Aneignung nur vorgetäuscht ist; tragen kann sie oder er diese Verantwortung aber erst, wenn die Aneignung tatsächlich stattgefunden hat, wenn sie oder er das Übernommene verstehen, begründen und gegen Einwände verteidigen kann.

    Nebenbei: Es drängt sich auch die Frage auf, wer der eigentliche Produzent/Konsument von KI-generierten Texten ist. 

    Zum Punkt 10:

    Ich frage mich, ob sich Lehrende hier nicht zu sehr aus der Verantwortung ziehen, sich und ihren Studierenden die (technische) Funktionsweisen von KI im Allgemeinen und die speziellen Modelle mit ihren recht unterschiedlichen Stärken und Schwächen näherzubringen (ja, auch im Philosophiestudium). Ein Taschenrechner-Ergebnis muss technisch nicht erklärt werden. Es ist entweder einleuchtend oder ein notwendiges Zwischenergebnis. Ein KI-Ergebnis hingegen durchaus. Das Entwickeln eines technischen Verständnisses ist meines Erachtens besonders für das IT-fremde Lehrpersonal sehr anstrengend. Auch deshalb, weil es nicht nur verschiedene KI-Tools gibt, sondern weil sich diese in rasender Geschwindigkeit verändern, verbessern und dadurch für das eigene Arbeiten zum Teil völlig neu gedacht bzw. einbezogen werden wollen. Für die meisten wird daher ein KI-Verbot eben einfacher sein, als sich mit diesen vielen neuen Dingen immer wieder intensiv auseinandersetzen zu müssen, besonders dann, wenn man auf die Narrative der Medien hört. Eine Erlaubnis- oder Verbotserläuterung kann aufgrund der technischen Entwicklungssprünge obsolet oder muss angepasst werden.

    Und der 11. Punkt geht jedoch nur auf, wenn wie bereits oben formuliert sich die Lehrenden auch intensiv mit KI-Technologie im Speziellen auseinandersetzen. 

    Ich strecke meine Hand aus und schlage ein, wenn Sie einverstanden sind mit meiner Auffassung Ihres Textes als folgenden Appell: Behaltet bei der Aneignung von generierten Texten die Kontrolle.

    Herzliche Grüße
    Bejay

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    1. Liebe(r) Bejay,

      ganz herzlichen Dank für diese ausgesprochen ausführliche und ernsthafte Rückmeldung. Ich habe mich beim Lesen mehrfach dabei ertappt, innerlich schon wieder an der Handreichung weiterzuschreiben.

      Ein Punkt Ihrer Kritik trifft mich besonders: Sie haben recht, dass ein fertiger Text seinen Entstehungsprozess nicht einfach dokumentiert. Gemeint war eher, dass ein eigener Text eine Spur einer intellektuellen Auseinandersetzung sein kann, deren Umwege und Entstehungsgeschichte zwar nicht unmittelbar sichtbar sind, wohl aber für die Autor*innen selbst – und spürbar auch für die Leser*innen.

      Auch den „Versuch“ würde ich etwas anders präzisieren: Nicht das Scheitern ist gemeint, sondern das Risiko, beim Schreiben noch nicht vollständig zu wissen, was man am Ende wird sagen können. Gerade dieses Risiko kann man sich durch Hilfsmittel nehmen – und damit stellt sich die entscheidende Frage: Welches Risiko wird reduziert, und welche geistige Tätigkeit wird dadurch möglicherweise ausgelagert? Sehr überzeugend finde ich deshalb den Gedanken der KI als Sparringspartner. Allerdings funktioniert das nur, wenn man sehr bewusst mit einem solchen Partner zu arbeiten versteht – und das muss man lernen.

      Besonders interessant finde ich Ihren Begriff der Aneignung. Ich glaube, dass darin ein Kernpunkt meiner Überlegungen liegt, den ich bisher nicht so genannt habe. Ich würde zwar nicht sagen, dass ein Text schon dadurch angeeignet ist, dass man ihn versteht und verteidigen kann – auch einen fremden Text kann man lernen. Aber: Verantwortung setzt eine Form von Aneignung voraus.Wer einen Gedanken übernimmt, muss wissen, was er behauptet, warum er es behauptet und was dagegen spricht. Vielleicht würde ich meine Handreichung deshalb inzwischen so zuspitzen: Nicht jede Verwendung von KI gefährdet die Eigenständigkeit. Problematisch wird es dort, wo die materielle Produktion eines Textes mit seiner intellektuellen Aneignung verwechselt wird. Aber dabei dürfen wir unsere eigene Abhängigkeit von materieller Situiertheit epistemischer Tätigkeiten nicht unterschätzen. Das geschieht allzu leicht.

      Auch Ihren Hinweis auf die Anthropomorphisierung finde ich wichtig. Ich würde vorsichtiger mit Formulierungen wie „die KI erfindet“ umgehen: Sie produziert plausible sprachliche Ergebnisse, aber Plausibilität ist keine Garantie für Wahrheit.

      Ihr abschließender Satz gefällt mir sehr: „Behalten Sie bei der Aneignung von generierten Texten die Kontrolle.“ Ich würde nur noch fragen: Was genau eignet man sich dabei eigentlich an – und woran erkennt man, dass man es sich angeeignet hat? Vielleicht liegt genau dort ein philosophisch wesentlicher Punkt.

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